Kamp-Bornhofen · UNESCO Welterbe Mittelrhein
Fast 600 Jahre Geschichte an einem Ort. Eine freiadelige Behausung, die zu einem der schönsten Hotels am Rhein wurde.
Die Geschichte
Manche Häuser tragen Geschichte in ihren Mauern. Das Hotel Rheingraf ist eines davon — und mehr noch: Es ist selbst dieser Adelshof. Dieselben Mauern, dieselbe Lage am Rhein, derselbe Geist der Gastlichkeit, urkundlich belegt seit dem 15. Jahrhundert. Kein Neubau auf altem Grund, sondern das Haus selbst, das die Jahrhunderte überdauert hat. Und darunter, in den Fundamenten, vielleicht noch ein wenig mehr.
Die Legende
Hoch über dem Tal des Rheines, da wo der Berg sich schroff erhebet und der Strom weit unten in der Tiefe rauschend dahinfließet, stunden einst zwei Burgen so nah beieinander, daß ein geworfener Stein von einem Zinnengang zum anderen hätte gelangen mögen. Und dennoch schied sie eine Mauer — nicht erbauet zum Schutze vor fremden Feinden, sondern aufgetürmet wider den eigenen Bruder. Burg Sterrenberg und Burg Liebenstein nennet man sie seit unvordenklichen Zeiten die feindlichen Brüder. Also überlieferet die Sage: Zwey Brüder eines uralten Geschlechtes hatten ihr väterlich Erbe geteilt und dabei ihr Herz verloren. Ein jeder errichtete sich seine Veste — der eine hier, der andere dort —, und dazwischen mauereten sie mit eigenen Händen die Streitmauer: ein Denkmal des Schweigens, des Grimmes, der niemals geheileten Wunde. Sie lebten Seite an Seite, ohne jemals fürderhin ein Wort miteinander zu wechseln. Sie starben Seite an Seite, als Feinde.
Die Mauer stehet noch auf dem Berge. Bis auf diesen heutigen Tag.
Da nun viele Geschlechter hernach vergangen waren, trug Burg Liebenstein einen Mann des Namens Philipp zu Liebenstein. Er kannte die Mauer. Er kannte das Erbe, das darin gemeißelt lag. Und im Jahre des Herrn 1431 tat er solches, das vor ihm keiner seines Stammes getan hatte: Er kehrte dem Berge den Rücken und stieg hinab an das Wasser.
Zu Camp, allda wo der Wein am Rheine wächset und die Schiffe still vorbeiziehen, erwarb er einen Hof. Keine Burg, keine Zinnen, kein Graben. Eine Behausung mit einem Tore, das man aufthun konnte. Er ließ Rebstöcke setzen, ließ eine Tafel zimmern, ließ Keller graben, tief und kühl wie das Erdreich es hergibt. Und er ließ das Tor offen stehen.
Ob es Reue war, die ihn trieb, oder Erschöpfung, oder die stille Erkenntnis, daß ein Leben hinter Mauern und Zinnen kein rechtes Leben sei — das hat Philipp zu Liebenstein nirgends zu Pergament gebracht. Allein der Hof blieb. Urkundlich bezeuget. Steinern. Und ohne Mauer.
Sein Erbe — das Haus, den Weinberg, die Tafel — führeten hernach die Seinen fort, ein Geschlecht nach dem anderen. Irgendwann, in dieser langen Reihe der Jahre, taucht in den Überlieferungen des Ortes ein Name auf: Heinrich Rheingraf von Camp. Ob er das Blut Philipps in sich trug oder nur dessen Erbe fortführte, vermag heute niemand mehr zu sagen. Doch was man weiß: Er war ein Mann des Weines, der Tafel und der offenen Tür — als wäre das, was Philipp zu Liebenstein begonnen hatte, in ihm zur vollsten Entfaltung gereifet.
Man sprechete, Heinrichs Keller sei der tiefste und reichste zwischen Cöllen und Mainz. Ritter und Bauersleute, Händler und Pilgrime saßen an seiner langen Eichentafel nebeneinander, und Heinrich fragete nicht nach Namen noch nach Stand noch nach Herkommen. Er fragete allein: „Hungert dich? Dürstet dich? So setze dich."
Manchmal, wenn der Wein beim dritten Becher wärmer ward als der Rheinwind draußen vor dem Fenster, soll Heinrich auf die Burgen gewiesen haben, die hoch droben über dem Tale stunden. Auf Liebenstein und Sterrenberg. Und er soll gesprochen haben: „Sehet ihr diese Mauer dort oben? Die haben zwei Brüder erbauet, auf daß sie einander nimmermehr ansehen müßten. Das ist der kostspieligste Stein, den das Mittelrheintal je kannte. Hier unten baue ich keine Mauern."
Heinrichs Sohn Friedrich war jung und hitzig, mit dem Feuer des Rheines in den Augen. Und er war verliebet — tief und ohne Hoffnung, so wie man es allein in jungen Jahren zu sein vermag. Ihr Name war Adelheid, eine Tochter aus dem Nachbargeschlecht, mit welchem Heinrichs Haus seit einem alten Grenzhandel in Unfrieden lag. Kein Blut war geflossen — doch Worte waren gefallen, harte, die sich wie Stein in die Brust setzen.
Friedrich und Adelheid trafen sich heimlich am Ufer des Rheines, allda wo die Weinstöcke bis an das Wasser reichen. Sie tranken aus ein und demselben Becher. Sie lacheten, wann der Strom so laut rauschete, daß kein Mensch sie hätte vernehmen können. Und Friedrich gedachte jedwedes Mal der Mauer droben auf dem Berge — und gelobte sich, daß er nimmermehr eine solche bauen wolle.
Doch alsdann kamen die Jahre des Krieges. Es war in jener dunklen Zeit, da die Schweden ihr Heer durch das Rheintal führeten und Feuer und Elend mit sich brachten, wohin sie auch zogen. Dörfer brannten. Ernten verdarben auf dem Felde. Die Menschen flohen in die Wälder oder bargen, was noch zu bergen war. Da stand eines Abends Adelheids Vater vor Heinrichs Tor — er, der einst Gegner gewesen im Streit um Grenzsteine und Feldwege. Er kam nicht mit dem Schwerte. Er kam gesenkten Hauptes und trug ein Faß Wein unterm Arm.
Heinrich öffnete das Tor. Er ließ ihn ein. Er stellete zwei Becher auf den Tisch.
Was in jener Nacht gesprochen ward, das hat niemand überlieferet. Allein daß die Kerzen bis zum Morgengrauen branneten und beide Männer weineten — der eine aus Erschöpfung, der andere aus Erleichterung, und alle beide ob des stillen Schmerzes darüber, wieviel Zeit sie mit Groll vergeudet hatten, welcher niemals vonnöten gewesen wäre. Da die Sonne aufging, sollen sie Freunde gewesen sein. Vielleicht zum ersten Male. Vielleicht schon immer — wenn sie allein aufgehöret hätten, den alten Zwist wie ein Erbstück mit sich zu tragen.
Das schwedische Heer rückte näher heran. Heinrich, alt und vom Fieber gezeichnet, rief Friedrich zu sich und sprach mit ruhiger Stimme: „Diese Männer werden kommen und nach unserem Schatze fragen. Laß sie suchen. Denn den wahren Schatz werden sie nimmermehr finden."
In selbiger Nacht ließ er seinen Keller leeren. Nicht das Gold. Was er barg: die Weinkrüge der edelsten Jahrgänge, die mit Siegellack verschlossenen Rezepte seiner Küche und die schweren Gastbücher aus Ziegenleder — Seite für Seite beschrieben mit den Namen all derer, die jemals an seiner Tafel gesessen hatten. Das war der wahre Reichtum dieses Hauses. Tief unter dem Fundament des Hofes ließ er alles einmauern. Stein auf Stein. Auf daß es die Ewigkeit überdauere.
Als die Schweden ankamen, fanden sie leere Keller und einen greisen Mann, der ihnen gleichwohl Wein und Brot anbot. Die Soldaten zogen weiter, ohne zu plündern. Ihr Hauptmann soll beim Wegreiten den Kopf geschüttelt und gesprochen haben: „Dieser Mann ist von Sinnen — oder ein Heiliger."
Heinrich verschied im darauffolgenden Winter. Zu seiner Seite saß Friedrich — und neben Friedrich saß Adelheid, die er mittlerweile, mit dem Segen beider Väter, zum Weibe genommen hatte. Was droben auf dem Berge in Stein gemeißelt und niemals überwunden worden war, hatte sich hier unten am Rheine, an einer Eichentafel und bei einem Becher Wein, in nichts aufgelöset.
Heinrichs letzte Worte galten nicht dem Kriege, nicht dem Frieden, nicht einmal dem Wein. Er schauete seinen Sohn an, dann Adelheid, dann abermals Friedrich, und sprach: „Halte das Tor offen. Allzeit. Das ist alles, was ein Mensch hinterlassen kann, das wahrhaftig zählet."
Friedrich hielt das Tor offen. Sein Sohn hielt es offen. Und alle, die nach ihm kamen, hielten es offen.
Anno 1814, da das neunzehnte Jahrhundert noch jung war, erlebete das Rheintal abermals große Begebenheiten. Napoleons Heer zog sich rückwärts durch die Lande, gejaget und gedränget von den Preußen unter Feldmarschall Blücher — jenem ungestümen Haudegen, den sie Marschall Vorwärts nanneten. Zehn Wegstunden stromaufwärts, zu Caub am Pfalzgrafenstein, setzte Blücher in kühnem Nachtmarsch mit seinen Truppen über den Rhein: eine Begebenheit, die das Schicksal Europas wendete.
Der Herr des Hauses zu Camp — man nennete ihn allzeit schlicht den Rheingraf, wie es die Tradition des Ortes wollte — schauete in jener Januarnacht vom Fenster seines Hofes auf den Strom hinab. Er sah die Fackeln brennen, hörte das Getöse der Heere und das Rollen der Geschütze auf dem Eis. Und alsdann klopften Männer an das Tor. Verwundete Soldaten beider Parteien — Franzosen und Preußen, Feinde auf dem Schlachtfelde, erschöpft, erfroren, fern der Heimat. Der Rheingraf öffnete das Tor. Er ließ sie ein. Er stellete Becher auf den Tisch. Er fragete nicht, für welchen Kaiser oder König sie das Schwert getragen hatten.
Auch diesmal zogen die Heere weiter. Der Hof blieb. Das Tor blieb offen.
So währete es durch die Jahrhunderte, durch schwedischen Heerzug und die Wirren der Napoleonischen Kriege, durch wechselnde Hände und wechselnde Zeiten, bis in das Jahr 1982, da eine Familie das alte Anwesen neu zum Leben erweckete und Hotel Rheingraf darüber schrieb. Was Philipp zu Liebenstein anno 1431 am Fuße des Berges begann, das lebet noch.
Ob der Schatz — die Weinkrüge, die Gastbücher, die Rezepte aus fünf Geschlechtern — noch immerdar tief unter den Fundamenten schlummert, das weiß im Orte niemand mit Gewißheit. Manchmal, so berichten die Alten im Orte, vernimmt man in stillen Sommernächten durch die Kellerwände einen Hauch von altem Wein. Und manchmal, wann das Licht am Rheine so golden fällt wie an jenem Abende, da zwei Feinde zu Freunden wurden, könnte man meinen, man höre durch den Stein hindurch das leise Klingen zweier Becher.
Und hoch droben auf dem Berge stehet die Mauer zwischen Liebenstein und Sterrenberg noch immer. Als Mahnung. Daran, wie es auch hätte ausgehen können.
Solches ist nunmehro so weit in die Vergangenheit entschwunden, daß ein jedweder, der diese Zeilen lieset, selbst zu befinden hat: Ob es die lautere Wahrheit sei, so wie sie geschehen — oder die rheinische Wahrheit, so wie sie in den Mauern fortlebet, in den Kellern ruhet und im Weine atmet. Am Rheine jedennoch, da ist beides von jeher einerlei gewesen. Und das, so darf man wohl glauben, wird also bleiben, so lange der Strom fließet.
Eine freiadelige Behausung samt Bezirk, Kelterhaus, Stallungen und anderen Zugehörungen
Urkundliche Beschreibung · 1582
Das Haus heute
Das Hotel Rheingraf ist der alte Adelshof — nicht gebaut auf historischem Grund, sondern das historische Gebäude selbst, das seit dem 15. Jahrhundert an dieser Stelle steht, mitten im UNESCO-Welterbe Oberes Mittelrheintal.
58 Betten, ein Restaurant mit regionalen Spezialitäten, eine Vinothek und die legendäre Rheinterrasse mit Rheinblick. Ein Haus, das Geschichte atmet und Gäste empfängt, die einfach mal beim Rheingraf von Camp zu Gast sein möchten.
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Das Wappen der alten Rheingrafen ziert dieses ehrwürdige Haus seit Jahrhunderten und soll nicht nur ein Symbol der tiefen Verwurzelung des Hauses mit seiner Geschichte und der Region, sondern auch ein jahrhundertewährendes Zeichen des Friedens und der guten Gastlichkeit sein.
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